August 2019

Stellungnahme zum Projekt Tourniquet in der Laienhilfe

In Deutschland wurde rezent eine Initiative beschrieben, wonach ähnlich dem Defibrillator-Projekten eine sog. Trauma-Box flächendeckend in öffentlichen Räumen verteilt wird. Diese Box beinhaltet Handschuhe, diverses Verbandsmaterial und auch ein Tourniquet. In einer Anleitung sollen dann Laien dieses Tourniquet bei starken Blutungen anwenden. Dazu möchte sich die AGN wie folgt äußern:

In den 80er Jahren wurde die bis dahin übliche Versorgung von Blutungen per Abbindeverband aus der „Ersten Hilfe“ eliminiert. Die Gründe dafür waren einerseits, dass in unseren Breiten aufgrund unserer medizinischen Versorgungsstrukturen und der vorwiegenden Verletzungsmuster bei adäquater Versorgung mit Druckverband so gut wie kein Patient an Extremitätenverletzungen verblutet, wenn die körpereigenen Schutzreflexe erhalten sind. Das Tourniquet ist außerdem nur im Bereich der distalen Extremitäten anwendbar und erfordert auch entsprechende fachliche, anatomische Kompetenz. Zum anderen musste festgestellt werden, dass die Anwendung doch offenbar nicht so problemlos war und  vor allem in der Hand von nicht adäquat geschultem Personal bzw. bei falscher Indikation mehr Schaden als Nutzen erreicht wurde. Eine effektive Abbindung, die zur Ischämie führt, ist bekannterweise so schmerzhaft, dass diese von nicht-bewusstlosen bzw. narkotisierten PatientInnen nicht toleriert wird, was in der Folge zur Lockerung des Verbandes und zur venösen Stauung führt und somit die Blutung sogar verstärkt.

Eine Anwendung im Bereich der Sanitätshilfe ist schon problematisch und aus unserer Sicht in der Laienhilfe völlig undenkbar. Eine derart invasive und potenziell sogar schädliche Maßnahme sollte  ausnahmslos in der Hand eines professionellen Teams liegen. Die Anlage des Tourniquets ist für uns eine Ultima ratio bei lebensbedrohlicher Blutung nach erfolglosem, aber fachlich korrekt angelegtem Druckverband.  Wir schätzen die diesbezügliche Inzidenz auf 1: 500 000 Trauma-Fällen, wenn nicht weniger ein.

Die Idee auch die Versorgung von Verletzungen für die breite Öffentlichkeit zu öffnen ist zu begrüßen, es sollte der Focus aber auf „Zubinden“ der Wunde gelegt werden (= Verband -> Druckverband -> doppelter Druckverband) und spätestens dann rascher Transport ins Krankenhaus.

Die AGN steht gerne für eine diesbezügliche Diskussion zur Verfügung

Für die AGN

OA Dr. Mirjam Pocivalnik
Präsidentin

Dr. Georg Kurtz
Past-Präsident

Ao. Univ. Prof. Dr. Gerhard Prause
Sekretär

Priv. Doz. Dr. Paul Puchwein                                                  
Leiter der Sektion Trauma                                            
Univ. Klinik für Orthopädie und Traumatologie